Gut? Für wen?

Die Geschichte des Etoscha-Parks ist ein Glücksfall für Afrikas gefährdete Fauna. Dort, wo heute Tiere bestaunt werden können, lebten vor 100 Jahren Menschen, die dort vor langer Zeit eine Heimat gefunden hatten. Buschleute vom Stamme der Hai//om, Jäger und Sammler, mussten den Tieren weichen. Gingen sie nicht freiwillig, wurden sie vertrieben. Ihre Nachbarn schauten verächtlich auf sie herab, Ausgrenzung und Mobbing waren ihre täglichen Begleiter. Waren sie einst die Herren der Savanne gewesen, so sind sie heute Tagelöhner und Bittsteller. Die Geschichte des Etoscha-Parks ist ein Unglück für Afrikas gefährdete Menschen. (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,502470,00.html)

Erinnerungen

Als ich die Buschmänner "kennenlernte", war ich vielleicht 14 Jahre alt. Zwar hatte ich schon viel von den Wilden in Afrika gehört und gelesen, aber jetzt waren in einem Erdkunde-Schulbuch Bilder zu sehen. In der Tat: so stellte ich mir richtig wilde Menschen vor. Später begegneten sie mir in einem so genannten Missionsfilm. "Missionare "helfen" den Buschmännern ein besseres Leben zu führen und predigen das Evangelium.", so kann man den Film mit dokumentarischen Charakter überschreiben. In ihm wurden sie auch so dargestellt: total wild und außergewöhnlich (fast cool) gekleidet. Das Elend und die Lebensbedingungen dieser Menschen erweckten das Mitleid mit ihnen und die Bewunderung für die Missionare. Ich hatte mir mein erstes Bild über Menschen in Afrika "erworben". Das hatte übrigens durchaus gute Auswirkungen auf die Schulnote, obwohl es ziemlich falsch war.
Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, weiß ich selbstverständlich, dass dieses Bild nur ein winziger Ausschnitt war, kein Einblick in die Wirklichkeit. Dieses Wissen ist auch schon etwas älter. *ich bin ja nicht blöd*

Schule war spannend, anstrengend und nervend zugleich

Vor 40 Jahren wagte man sich, solche Filme oder Bücher der Kritik zu unterziehen. Das war ein Riesenspaß. Kritik förderte bei Autoritäten eine Menge Unwissen zutage. Wenn sie fassungslos wurden, waren sie richtig niedlich (na ja, stark euphemisiert). Dass ein Jüngerer einen Älteren kritisierte, war nicht gerne gesehen; es wurde als Frechheit gewertet. Als Klassen-Sprecher oder jemand, der das letzte Wort zwar nicht sucht, aber eine gebotene Chance möglichst nicht auslässt, als jemand, der auch drastische Formulierungen wählen kann, kann man das er-leben. Da es vorteilhaft für den Kritisierenden ist, das eigene Wissen stets zu kontrollieren, zu verbessern und auch zu korrigieren, steht eine Menge Lernarbeit an. Wenn man einem Pater sagte, der Missionar solle lieber einen Brunnen graben lassen, Nachhilfe in Ackerbau und Viehzucht geben als Bibel und Katechismus zu lehren, und anstelle der Kirche einen Gemeindesaal bauen zu lassen, um Menschen in Not zu helfen, dann lag die Fünf in der Luft. Wehe, wenn man in dieser Lage nicht das letzte nicht widerlegbare Argument sagte. Nun ist es oftmals so: Das Wissen, welches in Erd- oder Sozialkunde einserverdächtig ist, stößt in anderen Fächern auf taube Ohren, Nicht-Verstehen, manchmal sogar auf verborgene Dummheit(en). Bspw. auf jene, die vorgaukelt, das eigene Bild sei fertig und gut.

Jedes Ding hat seine zwei Seiten - manchmal sind es sogar mehrere!

Das lernten wir bei unserem Biolehrer. Dr. B. war ein stattlicher Mann. Er kannte Europa aus Krieg und Reisen. Er konnte ziemlich gut erklären. Das wussten wir - und er wusste das wohl auch. Diese an sich gute Sache hatte allerdings einen Nachteil für die Schlechten in der Klasse. Es war schon klar, dass die offensichtlich zu blöd waren um Bio zu raffen. Manches unbedarfte Wort aus dem Mund eines Spötters ("dummes Rindvieh", "blöde Gans" bspw.) wurde getadelt. Ganz nebenbei erfuhren wir dabei, dass Rindviecher und Gänse nicht dumm oder blöd sind, dass Begriffe nicht die Wirklichkeit sind, dass auf einen Esel mehr Verlass ist als auf seinen Ruf.

Schüler: P.Soundso hat mir eine Fünf reingewürgt. Der hat nicht verstanden, was ich ihm gesagt habe. Lehrer: Was hast du ihm denn gesagt? S: Alles, was ich wusste, und das war echt viel. L: Und dann? S: Dann habe ich ihm noch gesagt, was der Missionar zuerst tun solle. L: Warum hast du das gesagt? S: Damit habe ich mir in Sozi eine gute Note eingehandelt. Ich wollte den Typen auch ärgern. L : Aber der Dumme, der bist jetzt du? - Und dann zeigte er (zum wievielten Male?) auf, dass man ungefragt nicht antwortet. Er meinte, wenn du dein Mütchen kühlen willst, dann frage: "Wäre es nicht besser, dass Missionare ...(s.o.)?" - Und so lernte die Klasse "zielführende Fragen" zu stellen. Mit dem Bild des Wilden räumte er auf. An dem Film ließ er kein gutes Haar. Er erzählte uns seine Erlebnisse mit Menschen fremder Kulturen und erläuterte die vielen Wenn und Aber. - Der Wissensstand in Sachen Biologie, den er uns vermittelte, wird sicher einer Überprüfung in einer Schule nicht standhalten (Sechs! Setzen! Drei Bänke zurück.). Das liegt aber nicht an ihm, eher an mir.

Es macht mich betroffen, wenn ich fast 50 Jahre später lese, wie mies es diesen Stämmen wirklich geht.

Nun ist der Untergang von Völkern und dem von ihnen bevölkerte Land nichts wirklich Neues. Auch ist die Art und Weise, wie man Stämme oder Völker umquartiert oder ausradiert, nicht neu. Neu ist lediglich, dass wir solche Untergänge hautnah (virtuell) miterleben können. Neu ist vielleicht auch die Erkenntnis, dass "Wilde" Menschen sind wie du und ich. -

Pocht diese Erkenntnis bei braunen Wilden und ihren Häuptlingen vergeblich an Hirn, Herz und Gemüt? Nur bei denen? Winking