Junge Menschen planen Gemetzel? Virtuelle Schüsse in der Schule
21.Nov.2007 - 15:20 Abgelegt in: Computerwelten | Schule | Erinnerungen | Tagesgeschehen | Kommentare
Sie waren 13-14jährige Jungs. Sie "spielten" gern mit sich und dem Computer. Der persönliche Computer gehörte irgendwie zu ihrem Leben. Fünfmal pro Woche trafen sie sich allmorgendlich in einem großen Gebäude. Dort hatten sie einen großen Raum für sich, der ihnen enge Grenzen setzte. In dieser Betonschale mit Großraumblick standen (nicht rein zufällig) Computer.
Computerwelt Schule:
Sie lebten im kurzen Counter-Strike-Zeitalter, einer Ballerspiel-Zeit, in der die Erwachsenen, die zu dem Gebäude mit dem wunderbarem Burgblick gehörten, und die den 13-14jährigen Jungs Wissen und Werte vermitteln mussten, keine Chance hatten ein Spiel zu gewinnen. Bei diesem Spiel konnten die Computerbegeisterten unter ihnen kreativ werden und die Szenarien nachbilden, in denen die Ballerei stattfinden konnte, sollte. - Jetzt muss man nur noch wissen, dass diese jungen Zocker dieses Spiel auch via Internet spielen konnten; die Spielszenen waren auf irgendeinem Server in dieser Welt abgelegt. Sie dachten nichts Böses dabei, als sie als Spielszene den Ort wählten, den sie gemeinsam kannten: Das Gebäude mit den herrlichen Burgblick und den ansonsten arg eingeschränkten Freiheiten, war unverkennbar. - Wenn sie gewollt hätten, dann hätten sie die entsprechenden Dateien auf den örtlichen Server (Schulserver) hinterlegt, der für sie ein offenes Geheimnis zu sein schien. Jedenfalls wussten und konnten die Jungen oft 'mehr' als die Alten, und die Alten zuwenig von dem, was die Jungen konnten und wussten.
Sie lebten in einem Zeitalter, in dem das Thema "Gewalt an Schulen" (endlich) mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte. Die Erwachsenen diskutierten gerade mal wieder die Auswirkungen von Ballerspielen auf Kinder. Ein Blick auf die Argumente der "Spiel-Verbieter" machte ratlos. Wurden sie ernstgenommen, dann waren etliche Kid's potentielle Täter. Dabei wählten sie nur den Ort, den sie gemeinsam kannten, in dem sie sich real bewegten, in dem Freude und Leid, Erfolg und Misserfolg, Lachen und Weinen, Freiheit und Gebundensein, Cleversein und Dummheit u.v.a.m. so nah beieinanderstanden. Im Spiel ballerten sie auf ihre Figuren, nicht auf den Kumpel. Den trafen sie nur im Ehrgeiz, Mikrosekunden schneller zu sein mit 'ner schnelleren Kiste.
Sie lebten in einem Zeitalter und hatten Glück, dass ihre Szenerie nicht von einem Spiel-Verbieter-Zusammenschluss gefunden wurde; es wäre ein Festessen für die Presse gewesen. Erschwerend wäre hinzugetreten, dass sie irgendwelche höheren Ränge in der CS-Welt einnahmen. Ihre Nicknames waren dort bekannt - aber nicht in der Welt der Erwachsenen.
Sie sind nun junge Erwachsene, die - wie kann's anders sein? - an ihrem Leben arbeiten. Sie haben das Leben vor sich, wie alle Menschen es immer vor sich haben, und sie wollen ihr Leben daraus machen. Manche werden froh sein, diese neue "Technik", die ihr Spiel so reizvoll machte, erlernt zu haben. Sie haben es sich selbst beigebracht. - Tu es, dann lernst du es!" - Die Netzwelten der Lerngebäude, die sie besuchten, halfen ihnen dabei. Das sollten sie zwar nicht, aber sie taten es - und werden es immer tun. Das gehört einfach dazu, bei neugierigen Jungs.
Die Jungs von damals müssen schon längst "ihren Mann" stehen (selbstverständlich auch die Mädchen "ihre Frau"). Geschadet hat ihnen die Ballerei nicht. Im Gegenteil! Sie können mit Computern und Netzen gut umgehen. Das ist viel mehr, als so ein Teil in Betrieb zu nehmen und es bedienen zu können. Sie wissen, was sie mit einem / ihrem Computer machen können. Und sie wissen, dass man damit seinen Lebensunterhalt erarbeiten kann.
Gut, dass ihre Szene verborgen blieb.
Sonst wäre alles anders geworden.
Erinnerung:
In mir ist bis heute das geschichtliche Ereignis "Fenstersturz zu Prag" fest im Wissen verankert.
http://www.welt.de/wissenschaft/history/article1095974/Prager_Fensterstur
Ich bin ein eher visueller Lerntyp. Als die Geschichtslehrerin das Bild interpretierte, da interessierte mich nicht der Mann, der aus dem Fenster gestürzt wurde. In meinem Kopfkino nahm seine Stelle eine Frau ein, die Geschichtslehrerin. Sie war ein Nervenbündel, eine abgedrehte Tante, hart aber nicht fair; also jemand, dem man als Kind nicht gerne begegnet. Im Kopfkino überlebte sie den Sturz nicht. Gut, dass ich mir dazu keinen Spickzettel angefertigt habe, damals, auf meinen Zetteln, ohne die ich nicht lernen konnte.
Gut, dass diese Bilder den Erwachsenen, den Eltern, den Lehrern, den Beamten, verborgen blieben. Auf das Kopfkino hatten sie keinen Zugriff.
Sonst wäre alles anders geworden.
Das Erziehungsheim stand immer drohend vor Augen.

Viele Jahre später erfuhr ich übrigens, dass mein kindliches Bild von der Frau keineswegs falsch war. Ich hörte, warum sie so war. Die Frau, die in meinem Kopfkino zu Tode kam, hätte eine schwerstkranke und pflegebedürftige Frau/Mutter hinterlassen, die dies damals nicht überlebt hätte. Emmi, wie wir sie respektlos titulierten, war eine starke Frau, sorgte als Tochter für ihre Mutter, mit der sie die Kriegswirren überstanden und überlebt hatte. Leider habe ich mich damals nicht mit Ruhm bekleckert, aber das wusste ich damals noch nicht.
Gelernt habe ich, dass ich genauer hinschauen muss, wenn ich mir eine eigene und gute Meinung bilden will. Und dass ich erst hinschauen muss, bevor ich mir meine Meinung bilde. Das ist simpel aber nicht einfach.
Tagesgeschehen:
Der aktuelle "Fall", "Kölner Amoklaufalarm", zeigt auf, wie schwierig es ist, computergespeicherte Bilder-, Lieder-, Musik- und Textwelten, schnell und möglichst richtig zu interpretieren.
http://www.zeit.de/news/artikel/2007/11/20/2424104.xml
http://www.zeit.de/news/artikel/2007/11/21/2424173.xml
Kommentar: Schon wieder endete ein junges Leben. Was denn tatsächlich hinter dieser Amokgeschichte ablief (und jetzt noch abläuft), ist nur bruchstückhaft bekannt. Bekannt ist, dass der Jugendliche sich das Leben nahm, weil er Angst vor der Durchsuchung seines Computers hatte. - Dabei muss er nicht einmal an seine Fantasien gedacht haben. Die Musik- und Video-Dateien, die in den "Kisten" (Maschinen) der Kids gespeichert sind, reichen oft für ein Verfahren, das teuer enden und ein Leben frühzeitig ruinieren kann. Solche Probleme, mit Verlaub, kann man anders lösen. Und sie wurden zumindest schon geräuschloser geregelt. Panikmache ist nicht angesagt.
Sie lebten im kurzen Counter-Strike-Zeitalter, einer Ballerspiel-Zeit, in der die Erwachsenen, die zu dem Gebäude mit dem wunderbarem Burgblick gehörten, und die den 13-14jährigen Jungs Wissen und Werte vermitteln mussten, keine Chance hatten ein Spiel zu gewinnen. Bei diesem Spiel konnten die Computerbegeisterten unter ihnen kreativ werden und die Szenarien nachbilden, in denen die Ballerei stattfinden konnte, sollte. - Jetzt muss man nur noch wissen, dass diese jungen Zocker dieses Spiel auch via Internet spielen konnten; die Spielszenen waren auf irgendeinem Server in dieser Welt abgelegt. Sie dachten nichts Böses dabei, als sie als Spielszene den Ort wählten, den sie gemeinsam kannten: Das Gebäude mit den herrlichen Burgblick und den ansonsten arg eingeschränkten Freiheiten, war unverkennbar. - Wenn sie gewollt hätten, dann hätten sie die entsprechenden Dateien auf den örtlichen Server (Schulserver) hinterlegt, der für sie ein offenes Geheimnis zu sein schien. Jedenfalls wussten und konnten die Jungen oft 'mehr' als die Alten, und die Alten zuwenig von dem, was die Jungen konnten und wussten.
Sie lebten in einem Zeitalter, in dem das Thema "Gewalt an Schulen" (endlich) mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte. Die Erwachsenen diskutierten gerade mal wieder die Auswirkungen von Ballerspielen auf Kinder. Ein Blick auf die Argumente der "Spiel-Verbieter" machte ratlos. Wurden sie ernstgenommen, dann waren etliche Kid's potentielle Täter. Dabei wählten sie nur den Ort, den sie gemeinsam kannten, in dem sie sich real bewegten, in dem Freude und Leid, Erfolg und Misserfolg, Lachen und Weinen, Freiheit und Gebundensein, Cleversein und Dummheit u.v.a.m. so nah beieinanderstanden. Im Spiel ballerten sie auf ihre Figuren, nicht auf den Kumpel. Den trafen sie nur im Ehrgeiz, Mikrosekunden schneller zu sein mit 'ner schnelleren Kiste.
Sie lebten in einem Zeitalter und hatten Glück, dass ihre Szenerie nicht von einem Spiel-Verbieter-Zusammenschluss gefunden wurde; es wäre ein Festessen für die Presse gewesen. Erschwerend wäre hinzugetreten, dass sie irgendwelche höheren Ränge in der CS-Welt einnahmen. Ihre Nicknames waren dort bekannt - aber nicht in der Welt der Erwachsenen.
Sie sind nun junge Erwachsene, die - wie kann's anders sein? - an ihrem Leben arbeiten. Sie haben das Leben vor sich, wie alle Menschen es immer vor sich haben, und sie wollen ihr Leben daraus machen. Manche werden froh sein, diese neue "Technik", die ihr Spiel so reizvoll machte, erlernt zu haben. Sie haben es sich selbst beigebracht. - Tu es, dann lernst du es!" - Die Netzwelten der Lerngebäude, die sie besuchten, halfen ihnen dabei. Das sollten sie zwar nicht, aber sie taten es - und werden es immer tun. Das gehört einfach dazu, bei neugierigen Jungs.
Die Jungs von damals müssen schon längst "ihren Mann" stehen (selbstverständlich auch die Mädchen "ihre Frau"). Geschadet hat ihnen die Ballerei nicht. Im Gegenteil! Sie können mit Computern und Netzen gut umgehen. Das ist viel mehr, als so ein Teil in Betrieb zu nehmen und es bedienen zu können. Sie wissen, was sie mit einem / ihrem Computer machen können. Und sie wissen, dass man damit seinen Lebensunterhalt erarbeiten kann.
Gut, dass ihre Szene verborgen blieb.
Sonst wäre alles anders geworden.
Erinnerung:
In mir ist bis heute das geschichtliche Ereignis "Fenstersturz zu Prag" fest im Wissen verankert.
http://www.welt.de/wissenschaft/history/article1095974/Prager_Fensterstur
Ich bin ein eher visueller Lerntyp. Als die Geschichtslehrerin das Bild interpretierte, da interessierte mich nicht der Mann, der aus dem Fenster gestürzt wurde. In meinem Kopfkino nahm seine Stelle eine Frau ein, die Geschichtslehrerin. Sie war ein Nervenbündel, eine abgedrehte Tante, hart aber nicht fair; also jemand, dem man als Kind nicht gerne begegnet. Im Kopfkino überlebte sie den Sturz nicht. Gut, dass ich mir dazu keinen Spickzettel angefertigt habe, damals, auf meinen Zetteln, ohne die ich nicht lernen konnte.
Gut, dass diese Bilder den Erwachsenen, den Eltern, den Lehrern, den Beamten, verborgen blieben. Auf das Kopfkino hatten sie keinen Zugriff.
Sonst wäre alles anders geworden.
Das Erziehungsheim stand immer drohend vor Augen.
Viele Jahre später erfuhr ich übrigens, dass mein kindliches Bild von der Frau keineswegs falsch war. Ich hörte, warum sie so war. Die Frau, die in meinem Kopfkino zu Tode kam, hätte eine schwerstkranke und pflegebedürftige Frau/Mutter hinterlassen, die dies damals nicht überlebt hätte. Emmi, wie wir sie respektlos titulierten, war eine starke Frau, sorgte als Tochter für ihre Mutter, mit der sie die Kriegswirren überstanden und überlebt hatte. Leider habe ich mich damals nicht mit Ruhm bekleckert, aber das wusste ich damals noch nicht.
Gelernt habe ich, dass ich genauer hinschauen muss, wenn ich mir eine eigene und gute Meinung bilden will. Und dass ich erst hinschauen muss, bevor ich mir meine Meinung bilde. Das ist simpel aber nicht einfach.
Tagesgeschehen:
Der aktuelle "Fall", "Kölner Amoklaufalarm", zeigt auf, wie schwierig es ist, computergespeicherte Bilder-, Lieder-, Musik- und Textwelten, schnell und möglichst richtig zu interpretieren.
http://www.zeit.de/news/artikel/2007/11/20/2424104.xml
http://www.zeit.de/news/artikel/2007/11/21/2424173.xml
Kommentar: Schon wieder endete ein junges Leben. Was denn tatsächlich hinter dieser Amokgeschichte ablief (und jetzt noch abläuft), ist nur bruchstückhaft bekannt. Bekannt ist, dass der Jugendliche sich das Leben nahm, weil er Angst vor der Durchsuchung seines Computers hatte. - Dabei muss er nicht einmal an seine Fantasien gedacht haben. Die Musik- und Video-Dateien, die in den "Kisten" (Maschinen) der Kids gespeichert sind, reichen oft für ein Verfahren, das teuer enden und ein Leben frühzeitig ruinieren kann. Solche Probleme, mit Verlaub, kann man anders lösen. Und sie wurden zumindest schon geräuschloser geregelt. Panikmache ist nicht angesagt.